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Ann Kathrin

Soziale Arbeit und Haute Couture sind auf den ersten Blick zwei Dinge, die nicht weiter voneinander entfernt sein könnten. Die großen Laufstege in Paris und Mailand und Einrichtungen für sozial Schwache trennen meistens mehr als nur ein paar Kilometer: zwischen den Szenen liegt eine gedankliche Weltreise.

Seit 2011 arbeitet Ann-Kathrin Carstensen in einem Atelier in Berlin-Neukölln, das ihr gleichzeitig auch als Verkaufsraum dient, gegen diese Kluft an. Sie entwirft und produziert Mode und Accessoires, bietet aber gleichzeitig einer oft perspektivlosen Gruppe der Gesellschaft einen Ausweg aus der Arbeitslosigkeit. Carstensens Produkte: handgehäkelte Krägen, Ketten, Armreifen. Ihre Mitarbeiterinnen: türkische Frauen und Mütter.

Nach einem abgebrochenen Medizin- und einem abgeschlossenen Modedesign-Studium gründete die Exil-Hamburgerin Carstensen vor 6 Jahren ihr eigenes Modelabel und nannte es Rita in Palma. Bald schon stand fest, dass unter diesem Namen hochwertige, handgearbeitete Häkelmode verkauft werden sollte. Ann-Kathrin Carstensen machte sich also in der türkischen Gemeinschaft der Stadt, die bekannt ist für ihre Häkelkunst, auf die Suche nach Frauen, die das Handwerk in Perfektion beherrschen und bei ihr endlich Arbeit finden würden. „Es hat Monate gedauert, bis ich die ersten Frauen gefunden hatte“, so Carstensen, die schließlich in einem türkischen Verein zu einer Gruppe der Bevölkerung Kontakte knüpfte, mit der es nur auf den ersten Blick wenig Berührungspunkte gibt.

Heute arbeiten zwölf Frauen bei Rita in Palma, und Interessentinnen an der Mitarbeit gibt es genug. Nach den Mitarbeiterinnen und den ersten Produkten, die allesamt unglaublich fein und akkurat gearbeitet sind, besuchte auch bald die Presse – von der deutschen Vogue hin zu etablierten Tageszeitungen – die Räumlichkeiten des jungen Labels. „Journalisten reißen sich um solche Geschichten“, sagt Carstensen, die sich über gute Presse freut, jedoch kaum Auswirkungen auf die Verkaufszahlen spürt.

Trotzdem geht es für Rita in Palma langsam aber sicher bergauf. Im KaDeWe, dem größten Kaufhaus der Stadt, stehen mittlerweile drei Vitrinen des Labels. Für einen Hersteller hochwertiger Handschuhe haben die türkischen Meisterinnen exklusive Modelle gehäkelt, und die Produktpalette wird laufend erweitert. „Unsere Zielgruppe sind starke, vermögende Frauen. Die Chefin der Berliner Bank kauft immer wieder bei uns ein“, erzählt Carstensen, und das nicht ohne Stolz.

Stolz ist sie vor allem auf ihren gemeinnützigen Verein, der parallel zum Modelabel besteht. „Von Meisterhand e.V.“ vereint kostenlosen Deutschunterricht für die Mitarbeiterinnen und die Organisation von Schriftverkehr und Kommunikation mit Ämtern wie der Ausländerbehörde. Für Ann-Kathrin Carstensen ist diese Koexistenz der Beweis dafür, dass High Fashion und Soziales gemeinsam funktionieren können: „Oft wird mir gesagt, ich müsse mich entscheiden ob ich jetzt ein soziales Projekt mache oder ein Couture-Label führe. Ich sage dann: Nein, das muss ich nicht. Das geht Beides.“

Wenn die umtriebige Geschäftsfrau trotz all ihrer Projekte und Visionen auch mal Zeit hat, vor die Tür zu gehen, dann isst sie gerne im Caligari, einem Italiener schräg gegenüber ihres Studios. „Da stehen nur wenige Gerichte auf der Karte, was ich sehr angenehm finde.“ Außerdem mag sie den Vietnamesen From Hanoi with Love, bei dem sie vor allem in der Phase der Renovierung der Ladenfläche regelmäßiger Gast war. Und wenn der Hunger dann gestillt ist, geht es natürlich noch auf das Tempelhofer Feld, den neuen Stolz des Viertels. Bis 2008 war die riesige Fläche, und das ist heute kaum mehr vorstellbar, ein Flughafen. Innerhalb kürzester Zeit wurde aus Fluglärm und Kerosingeruch ein weitläufiger Park. Direkt daneben, eingefasst von einem kleinen Wald, steht übrigens die größte Moschee Berlins, die Şehitlik-Moschee. „Mehr Berlin geht eigentlich nicht“, sagt Carstensen im Hinblick auf das Spannungsfeld von ehemaligem Flughafen und Gotteshaus.

Es scheinen die Kontraste und ungleichen Paare zu sein, die die Modedesignerin und Unternehmerin anziehen. Moschee, Flughafen, High Fashion, soziale Arbeit: das gehört für sie alles zusammen. Es gibt dagegen nichts einzuwenden. Im Gegenteil.